Flügel

Ich mag es, meine Gefühle in Bildern auszudrücken. Gerade jetzt drängt sich ein Bild auf. Wie ich hier so sitze, den Kopf mit den Händen abgestützt, fühle ich fast körperlich meine gestutzten Flügel. Gestutzt durch eine Erziehung, die Bravsein belohnte und Freiheitsdrang unterdrückte. Gestutzt durch Beziehungen, die einfach nur krank waren. Gestutzt durch Mobbing. Gestutzt auch durch meinen Mann, der sich selbst nicht zu fliegen traut. Und dann fragen sie:“Warum fliegst du nicht? Warum bleibst du am Boden? Warum bist du traurig?“ Weil ich keine Flügel mehr habe. Aber Phantomschmerzen dort, wo sie mal waren. Schön und bunt wie eine Blumenwiese im Sommer.

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Unten

Unten angekommen. Fühlt sich mittlerweile vertrauter an, als ein paar Tage gut drauf dazwischen.

Therapeuten und Ärzte fragen immer nach Plänen im Zusammenhang mit Suizidgedanken. Wie, wo, wann. Wo – checked.

Das Ende vom Wochenende

Seit einigen Wochen war ich mal wieder bei meinen Eltern übers Wochenende. Allein mit Kind. Lief alles ganz gut. So gut, dass ich dachte, ich könnte zu Hause gleich mal noch zwei Ständer Wäsche abnehmen, Schrank aufräumen, Spielzeug wegräumen und Staub saugen. Ich habe alles geschafft. Dafür bin ich jetzt fertig. Am liebsten würde ich im Bett liegen bleiben und schlafen. Leider wartet noch das ganze Abendprogramm mit Kind. Einem Kind, was eine Woche Kitafrei hatte und dementsprechend vor Energie strotzt.

Ich hingegen vermisse meinen Therapeuten. Am Freitag habe ich wieder Termin. Es ist noch immer so, dass ich mich nur dort bei ihm sicher, geborgen und wertgeschätzt fühle. Ich fürchte, diesen Freitag wird es mir wieder sehr schwer fallen, dort zu gehen.

Irgendetwas setzt sich gerade auf meinen Brustkorb und macht das Atmen schwer. In letzter Zeit kann ich nicht mehr richtig weinen. Alles staut sich an. Und wird zu Endzeitgedanken. Wieder der Moment, wo ich mich in keiner Zukunftsvision sehe. Da ist nur Schwarz. Diese Zeitfresser, die es bei Steven King gibt, fressen nicht meine Vergangenheit sondern meine Zukunft.

Die Depression

Lange habe ich nichts geschrieben. Dabei gab es einiges. Anfang Mai ging es mir immer schlechter. Ich litt unter Schwindel und einer ausgeprägten Kraftlosigkeit. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Eine Therapiestunde brachte mich derart an meine Grenzen, dass es mir fast eine Stunde nicht möglich war, nach Hause zu fahren. Ich hatte zunehmend Suizidgedanken und den Impuls, mir irgendwie weh zu tun. Schließlich erkannte auch mein Therapeut meine innere Not und wir einigten uns auf eine stationäre Therapie auf der Station, wo er als Therapeut tätig ist. Insgesamt war ich 9 Wochen dort wegen einer rezidivierenden Depression. Dem Ganzen einen Namen geben zu können, macht es etwas leichter.

Das Leben mit der Depression gleicht einem Leben auf Messers Schneide. Aktuell hoffe ich, es zu schaffen. Leider gibt es Tage, wo ich mir nichts mehr wünsche, als Schluss zu machen.

Erstmal kurz aufgeben

Puh, wo fange ich an? In der Tagesklinik war ich ziemlich reflektiert und habe wirklich hart gearbeitet, um die Gründe für die Angststörung und den Zwang zu finden. In diesem Zusammenhang erschien vor meinem inneren Auge das Bild eines Mädchens, das mit viel zu großem Schwert in die Kämpfe des Lebens zieht. Ich habe dieses Bild auch meinem Therapeuten erzählt. Er bringt es in den Sitzungen immer wieder an. Tja, nun ist das Schwert definitiv zu schwer geworden. Ich musste es ablegen. Ohne Waffe und ohne Schild bleibt mir momentan nur, die Deckung zu suchen. Manche Menschen können schwere Dinge sehr lange und ohne Pause tragen. Weil sie wissen, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Und weil sie Weggefährten haben. Zu diesen Menschen zähle ich scheinbar nicht. Ich weiß nicht immer, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Ich suche mir keine Weggefährten.

In Deckung zu sein, ist ungewohnt für mich. Ohne Ablenkung habe ich das Gefühl, zu zerplatzen vor Angst. Angst, wieder raus in den Kampf zu müssen, in dem es keine Pausen gibt und die Regeln immer wieder neu geschrieben werden. Ich weiß nicht, welche Hilfe ich benötige, um das Kämpfen wieder aufzunehmen. Oder ob ich mich weiter in Sicherheit bringen muss. Diese Ungewissheit quält mich.

Bin ich falsch?

Mein Problem ist mal wieder, dass es mir schlecht geht, ich aber den Eindruck habe, ich stelle mich nur an. Ich bekomme kein Medikament, man schreibt mich nicht krank, obwohl ich eine Auszeit brauche. Ich verstehe das nicht. Ich war in der Tagesklinik die Einzige, die überhaupt arbeiten gegangen ist. Ich gehe fast Vollzeit arbeiten. Habe ein 3jähriges Kind und einen Mann mit abartigen Schichtdiensten. Zwischen alldem schiebe ich meine Therapietermine, den Haushalt und was so ansteht. Dann heißt es, ich soll mir unbedingt Zeit für mich nehmen. Leider ist das nicht ironisch gemeint. Aber es kann doch nur Ironie sein, oder?

Da offensichtlich jeder denkt, ich bekomme das ausgezeichnet hin, kann ich mit meiner Einschätzung nur falsch liegen. Das macht mich erst recht fertig. Denn das bedeutet doch, dass ich mich nur ordentlich zusammenreißen muss. Und wenn ich das nicht kann, hab ich es nicht anders verdient. Versagerin. Bekommst nichts auf die Reihe. Haha, eine Witzfigur.

Ich weiß, was ich an meinen freien Tagen machen werde: im Bett liegen und den ganzen Tag weinen.

Was soll das?

Ich hatte gestern wieder Therapie. Und im Nachhinein bin ich frustriert, enttäuscht, verwirrt und verunsichert.

Es fällt mir nicht leicht, meine Gedanken und Gefühle in dieser einen Stunde auf den Punkt zu bringen. Oft bleibe ich nur an der Oberfläche. Aber ich wünsche mir jedesmal, offen sprechen zu können. Also habe ich ehrlich geantwortet, als ich gefragt wurde. Was ich damit meine, wegfliegen zu wollen ohne Ziel. Ich habe schon oft von meinen Suizidgedanken gesprochen. Wenn mir keiner richtig zuhört? Ich rufe um Hilfe, sage, ich schaffe es nicht allein. Und jedesmal heißt es, die Therapie geht nicht ewig. In die Klinik sollen Sie nicht. Kommen Sie draußen klar. Alleine klar. Und ich versuche es. Bekomme nach Jahren Panikattacken. Schwindelgefühl. Bauchschmerzen. Ich kämpfe und kämpfe jeden Tag, dass keiner was merkt. Denn was bringt es: offensichtlich versteht man mich nicht oder ich verstehe mich nicht. Was ist falsch in mir, dass ich nicht mal die Therapie richtig machen kann? Bin ich zu nichts richtig in der Lage? Warum immer nur die Anforderungen anderer erfüllen müssen. Warum sieht denn keiner meine innere Not?